Geht doch: Im Bundestag sind jetzt alle per Du

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Das bisherige „Sie“ fällt deshalb weg. An seine Stelle tritt das persönliche „Du“, so wie der Zuschauer zu Hause vor dem Fernseher schließlich auch mit seiner verehrten Gattin spricht. Werfen wir also einen Blick in eine hochinteressante Bundestagssitzung und genießen wir die neue Atmosphäre.

Julia eröffnet die Sitzung

„Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich eröffne die Sitzung. Wir kommen zur Aussprache über die Politik der Bundesregierung. Als Erster hat Tino das Wort.“

Tino geht ans Rednerpult und spricht über die wirtschaftliche Lage, hohe Staatsausgaben und Migration. Deutschland brauche endlich einen grundlegenden Politikwechsel. Von der Regierungsbank kommen erste Zwischenrufe.

„Lars, lass den armen Tino doch bitte ausreden“, mahnt Julia.

Tino schaut verschmitzt hinüber. „Lars kann ja gleich erklären, wo das ganze Geld herkommen soll.“

„Tino, gestattest du eine Zwischenfrage von Heidi?“, fragt Julia.

„Aber selbstverständlich.“

Heidi erhebt sich. „Tino, kannst du uns vielleicht erklären, warum du immer nur bei den Ukrainern sparen willst?“

„Heidi, ich habe gerade überhaupt nichts von den Russen gesagt.“

„Danke, Heidi. Danke, Tino. Und jetzt bitte etwas mehr Ruhe.“

Alice und Friedrich

Als Nächste erhält Alice das Wort. Sie spricht über Friedrichs Schulden, Energiepreise und die wirtschaftliche Lage der SPD.

Lars ruft dazwischen.

Julia, jetzt etwas wütender:

„Lars, du bekommst nachher noch Gelegenheit zur Antwort.“

Auch von den Grünen kommt Protest.

Julia greift wieder ein:

„Katharina, bitte lass die Alice doch mal ausreden.“

Alice beendet ihre Rede, rollt ihr Manuskript zusammen und klopft damit aufs Rednerpult. Julia übernimmt wieder: „Danke, Alice. Das Wort hat jetzt Friedrich.“

Friedrich geht zum Pult und verteidigt den Kurs seiner Regierung. Deutschland müsse wirtschaftlich wieder stärker werden, Reformen seien notwendig und bei der Unterstützung der Ukraine dürfe man nicht nachlassen.

Alice ruft dazwischen.

„Alice!“

Noch ein Zwischenruf.

„Alice, ich habe dich gehört.“

Nun meldet sich Stephan lautstark zu Wort und ruft: „Pinocchio-Fritze!“

Julia schaut streng nach rechts. „Stephan, dafür bekommst du einen Ordnungsruf.“

So klingt parlamentarische Würde, wenn man sich erst einmal richtig kennengelernt hat.

Jetzt ist Boris dran

Julia schaut zur Regierungsbank. „Boris, du bist jetzt dran.“

Boris geht ans Pult und spricht darüber, dass alle ab 18 zur Musterung sollen, über MediaMarkt-Drohnen und die Sicherheitslage in Wanne-Eickel.

Götz ruft dazwischen: „Liebe Julia, das ist doch ein Skandal!“

„Götz, Boris hat jetzt das Wort.“

Beatrix meldet sich ebenfalls und fuchtelt mit beiden Händen.

„Beatrix, du kannst Boris anschließend eine Frage stellen.“

Boris redet weiter.

Helge springt auf.

Julia schaut zu ihm hinüber. „Helge, jetzt setz dich mal wieder hin.“

Helge setzt sich.

Langsam bekommt der Deutsche Bundestag etwas von einem Elternabend.

Philipp möchte noch etwas wissen

Nun meldet sich Philipp.

„Philipp, ist das eine Zwischenfrage oder ein Zwischenruf?“

„Eine Zwischenfrage.“

„Dann musst du warten, bis Boris sie zulässt.“

Boris lässt sie zu. Philipp stellt seine Frage. Boris antwortet. Heidi ruft dazwischen, Alice ebenfalls, Lars unterhält sich mit Friedrich und Katharina hebt schon wieder die Hand.

Julia verliert langsam die Geduld.

„Heidi, bitte! Alice ebenfalls! Lars, du redest jetzt nicht mit Friedrich. Katharina, du kommst danach dran. Und Philipp setzt sich bitte wieder.“

Für einen Augenblick herrscht Ruhe.

Heidi möchte Lenin zitieren

Dann meldet sich Heidi.

„Mit deiner Erlaubnis, liebe Julia, zitiere ich Wladimir Iljitsch Lenin.“

Unruhe im Saal.

Götz springt erneut auf. „Liebe Julia, das ist ein Skandal!“

„Götz, jetzt lass Heidi doch erst einmal Lenin zitieren.“

Beatrix ruft etwas dazwischen, Alice lacht, Lars schüttelt den Kopf und Friedrich tuschelt schon wieder mit Boris.

Julia schaut auf die Uhr.

„Also, Freunde, so kommen wir heute nicht weiter.“

Für einen Augenblick ist es still im Hohen Haus.

„Damit kommen wir zum nächsten Tagesordnungspunkt. Danke, Boris. Danke, Philipp. Heidi, Lenin bitte kurz. Tino, du bist später noch einmal dran. Friedrich, bleib bitte noch da.“

Und irgendwo vor einem Fernseher sagt ein Bürger zu seiner verehrten Gattin:

„Du, Erna, die sind ja jetzt alle per Du.“

Erna sieht vom Strickzeug auf.

„Na und? Ich kenn die trotzdem nicht.“

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