Millionen Verdachtsfälle nach Corona-Impfungen und alle schauten weg

Andreas Schöfbeck warnte 2022 vor Millionen möglichen Nebenwirkungsfällen nach Corona-Impfungen. Wenige Tage später war der langjährige Chef der BKK ProVita seinen Posten los. Viereinhalb Jahre danach spricht er erstmals ausführlich über die Auswertung, die Reaktionen der Behörden und seine Entlassung.

Im Interview mit Multipolar schildert Schöfbeck, wie Berichte über schwere Beschwerden bei Versicherten und im eigenen Umfeld die Untersuchung auslösten. Ihm stand ein anonymisierter Datenpool von knapp elf Millionen Versicherten aus rund 70 Betriebskrankenkassen zur Verfügung. Aus den ärztlichen Abrechnungscodes errechnete er für 2021 bundesweit 2,5 bis drei Millionen Menschen, die wegen vermuteter Nebenwirkungen einer Corona-Impfung behandelt worden seien.

Schöfbeck behauptete nicht, dass jeder dieser Fälle ein bestätigter Impfschaden war. Er sprach von Verdachtsfällen, die untersucht werden müssten. Genau diese Unterscheidung ist entscheidend. Abrechnungsdaten können einen zeitlichen oder ärztlich vermuteten Zusammenhang zeigen. Sie beweisen im Einzelfall noch keine Ursache und sagen allein auch nicht, wie schwer die Beschwerden waren.

Die schiere Größenordnung verlangte dennoch eine gründliche Prüfung. Das Paul-Ehrlich-Institut hatte für 2021 weniger als 250.000 Verdachtsmeldungen registriert. Beide Datensätze lassen sich nicht eins zu eins vergleichen, weil Kassenärzte Behandlungen abrechnen, während das PEI Einzelmeldungen sammelt. Der gewaltige Abstand war aber genau das Warnsignal, das Schöfbeck zur Sprache brachte.

Das Paul-Ehrlich-Institut erklärte später, die verwendeten allgemeinen ICD-Codes seien wenig geeignet, das Nebenwirkungsprofil einzelner Impfstoffe zu untersuchen. Kritiker wandten außerdem ein, in den Kassendaten könnten auch vorübergehende Beschwerden wie Fieber, Müdigkeit oder Schmerzen an der Einstichstelle enthalten sein.

Das widerlegt Schöfbecks Forderung nicht. Es beschreibt vielmehr die Untersuchung, die hätte folgen müssen. Welche Fälle waren leicht, welche schwer, welche dauerten an und welche Diagnosen häuften sich nach bestimmten Impfstoffen? Die Krankenkassen besaßen dafür umfangreiche Daten. Nach Schöfbecks Darstellung wurde diese vertiefte Auswertung bis heute nicht vorgenommen.

Spätere Zahlen machten das Warnsignal nicht kleiner. Eine Auswertung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung kam für 2021 auf knapp 2,5 Millionen Patienten mit entsprechenden Abrechnungscodes. Eine 2024 veröffentlichte Forsa-Umfrage ergab laut Multipolar, dass 4,4 Prozent der Geimpften von einer ärztlich bestätigten Impfnebenwirkung berichteten. Auch diese Zahlen ersetzen keine medizinische Einzelfallprüfung. Sie zeigen aber, dass Schöfbecks Größenordnung nicht einfach als Fantasie abgetan werden konnte.

Schöfbeck hatte seinen Brandbrief im Februar 2022 an das PEI, den GKV-Spitzenverband, den BKK-Dachverband, die Bundesärztekammer, die Kassenärztliche Bundesvereinigung und die STIKO geschickt. Seine Bilanz fällt vernichtend aus: „Die haben das alle ignoriert.“ Erst nach der Berichterstattung der Welt meldete sich das PEI.

Am 1. März 2022 sollte Schöfbeck seine Daten mit dem damaligen PEI-Präsidenten Klaus Cichutek besprechen. Noch am selben Tag berief der Verwaltungsrat der BKK ProVita eine außerordentliche Sitzung ein und trennte sich von ihm. Das Gespräch mit dem PEI fand nicht mehr in der geplanten Form statt. Schöfbeck ist überzeugt, dass sein Brandbrief der tatsächliche Grund seiner Entlassung war.

Der Rechtsstreit läuft weiter. Nach Schöfbecks Angaben hob das Landgericht München I im Juni 2025 zwei Kündigungen wegen Formfehlern auf. Die Krankenkasse ging in Berufung. Eine abschließende gerichtliche Entscheidung über sämtliche Streitpunkte steht damit weiterhin aus.

Die Aufarbeitung der Impfkampagne bleibt lückenhaft. F-NEWS berichtete über rund 200 Strafanzeigen gegen BioNTech und das PEI. Auch der Sachverständige Stefan Homburg warnt davor, den Corona-Mythos bereits in Schulbüchern festzuschreiben, bevor Behördenentscheidungen und mögliche Impfkomplikationen aufgeklärt sind.

Schöfbecks Zahlen hätten geprüft und aufgeschlüsselt werden müssen. Stattdessen verlor er seinen Posten. Die notwendige Untersuchung blieb aus.

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