Nach der Polizeiaktion und dem Streit um die Führung des Verfassungsgerichts am Freitagabend verlagerte sich die Auseinandersetzung in der Nacht zum 31. Oktober 2026 ins Gebäude selbst. Sieben vom Sejm gewählte Richter waren am Freitagabend mit Begleitung der Staatsschutzbehörde SOP in den Sitz des Gerichts gelangt. Präsident Karol Nawrocki landete nach 22 Uhr in Warschau, traf sich mit dem abgesetzten Gerichtspräsidenten Bogdan Święczkowski und dem Ersten Präsidenten des Obersten Gerichts Zbigniew Kapiński und fuhr kurz vor 1 Uhr nachts zum Verfassungsgericht.
Beim Eingang kam es zu Rangeleien mit Richtern, darunter Anna Korwin-Piotrowska, die am Freitag die Amtsunterbrechung von Święczkowski und Vizepräsident Bartłomiej Sochański angeordnet und die Leitung übernommen hatte. Richter Maciej Berek schrieb, der Präsident sei mit Schwung auf Korwin-Piotrowska und die übrigen Richter zugelaufen und habe sich durch die Gruppe gedrängt. Die Präsidialkanzlei spricht dagegen von einer Verletzung der Unverletzlichkeit des Staatsoberhaupts durch Personen, die das Gebäude blockiert hätten. Nawrocki sagte im Gebäude zu Korwin-Piotrowska und anderen: „Ihr seid keine Richter des Verfassungsgerichts.“
Kurz vor 5 Uhr verließ Nawrocki das Gebäude. Präsidialminister Paweł Szefernaker verlas davor Nawrockis Erklärung: In dieser Nacht sei die verfassungsmäßige Ordnung der Republik verletzt und ein Verfassungsorgan gewaltsam übernommen worden. Er forderte die Wiederherstellung der Rechtsordnung und den Abzug der von der Regierung eingesetzten Zwangskräfte. Wegen einer Gefahr für die innere Sicherheit berufe er für den Samstag dringende Konsultationen mit Vertretern der Parlamentskräfte ein. Sochański sei mit Hilfe des Präsidenten ins Gebäude gelangt. Korwin-Piotrowskas Seite und die Sejm-Mehrheit um Premier Donald Tusk halten ihre Richter und die Amtsunterbrechung für rechtmäßig; Święczkowski, Nawrocki und die PiS halten sie für unrechtmäßig.
Am Samstagmorgen kommentierte Justizminister Waldemar Żurek bei TVN24 und TVP Info das Verhalten des Präsidenten. Es habe ihn zutiefst beunruhigt; er hoffe auf Schritte der Staatsanwaltschaft. Es sei unzulässig, dass eine durch Immunität geschützte Person sich so verhalte, sich eindränge und Richter angreife. Ein Staatsanwalt sei beim Gericht eingetroffen. Tusk schrieb erneut, die Wiederherstellung der Rechtsstaatlichkeit sei Pflicht. Vor dem Gebäude dauerte der Protest an; Święczkowski sagte am Morgen, man werde versuchen, wieder hineinzugelangen. Die Richter um Korwin-Piotrowska blieben im Gebäude; für den 3. November ist eine Vollversammlung der Richter angesetzt.
Zwei Botschafter legten ihre Ämter nieder: Jakub Kumoch in China und Paweł Soloch in Rumänien. Soloch schrieb vor 1 Uhr, angesichts des Versuchs einer rechtswidrigen Übernahme des Verfassungsgerichts sehe er keine Möglichkeit, weiter als Botschafter zu amtieren. US-Botschafter Thomas Rose nannte die Vorgänge „wirklich sehr ernst“ und sprach von einer „beispiellosen Konfrontation“ um die Nutzung staatlicher Macht und die Unabhängigkeit einer Verfassungsinstitution. Beide Seiten hätten völlig unterschiedliche Darstellungen. Laut TVP Info sagte Rose zudem, das Letzte, was Polen brauche, sei eine Konfrontation, die in etwas deutlich Schlimmeres umschlage. Sejm-Vizepräsident Szymon Hołownia schrieb, die nächtlichen Ereignisse schwächten Polen gegenüber dem russischen Gegner; Polen brauche Frieden und Gespräch, nicht Krieg und Gerangel; sein Klub werde an den Konsultationen teilnehmen.
In der Kohabitation steuert die Regierung Polizei und Staatsanwaltschaft, der Präsident ist laut Verfassung Oberbefehlshaber der Streitkräfte und kann den Nationalen Sicherheitsrat als Beratungsorgan einberufen. Für Samstag hat Nawrocki politische Konsultationen angekündigt, kein Treffen der Streitkräfte. Berichte über einen Einsatz der Armee liegen nicht vor; die zitierten Stimmen sprechen von Konfrontation, innerer Sicherheitsgefahr und der Mahnung, es dürfe nicht schlimmer werden. Noch kann also von Bürgerkrieg keine Rede sein, aber die Lage ist weiter besorgniserregend.



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