Richtung Moskau? Zurück, marsch, marsch!

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Mark Rutte, NATO-Sprachrohr, aber mit sehr gutem Englisch, überraschte die Presse am 14. Oktober in Tallinn mit einer ausgesprochen geschäftsschädigenden Auskunft: „Wir sehen keine unmittelbare Bedrohung für NATO-Territorium durch Russland.“

Das wird der Rüstungsindustrie überhaupt nicht gefallen. Die Rüstungsaktien werden ins Bodenlose stürzen. Die Bomben könnten ins Wasser fallen. Da hat man die nächsten hundert Milliarden Euro für die Abwehr des unmittelbar bevorstehenden Weltuntergangs gedanklich schon ausgegeben, und plötzlich liefert der Russe die Bedrohung nicht. Kriegsmüde geworden?

Jahrelang wurde den Bürgern erklärt, sie müssten sich auf härtere Zeiten einstellen. Geld für Brücken? Schwierig. Geld für Rentner? Noch schwieriger. Geld für die Kriegstüchtigkeit? Bitte hinten anstellen, jeder bekommt einen Kredit.

Die Sirenen sind bestellt

Sollte Russland aber Truppen für einen Angriff zusammenziehen, werde die NATO reagieren, versicherte Rutte. Bis dahin muss offenbar die Angst ohne russischen Aufmarsch auskommen. Eine Zumutung für Europas Alarmbereitschaft! Die Sirenen sind bestellt, die Bunkerbroschüren gedruckt, und beim Rüstungskonzern hatte der Vorstand schon den Champagner kalt gestellt. Jetzt fehlt bloß noch, dass jemand fragt, ob man vor der nächsten hundert Milliarden schweren Bestellung kurz die Lage prüfen könnte.

Der friedliebende Bürger reibt sich die Augen. Er hatte nach mancher politischen Wortmeldung schon erwartet, beim nächsten Gang zur Mülltonne einem russischen Panzer Vorfahrt gewähren zu müssen. Jetzt gibt der NATO-Chef Auskunft: Ein unmittelbar bevorstehender Angriff ist nicht erkennbar. Könnte man diese Nachricht bitte ebenso laut verbreiten wie die Warnungen?

Herr Pistorius, wird die Kriegstüchtigkeit obsolet?

Deutschland soll kriegstüchtig werden, fordert Boris Pistorius. Und jetzt diese Auskunft vom NATO-Chef! Muss der Deutsche nun wieder friedenstüchtig werden? Gibt es dafür eine Umschulung? Und übernimmt das Arbeitsamt die Kosten? Vielleicht reicht zunächst ein Wochenendseminar: Wie führe ich ein normales Leben, ohne beim Kartoffelschälen die Ostflanke zu sichern? Abschlussprüfung: einen Fernsehabend überstehen, ohne vorsorglich den Keller auszuräumen.

Für Rüstungsaktionäre ist Frieden allerdings eine schwierige Nachricht. Der Rentner freut sich, wenn seine Enkel nicht in den Krieg müssen. Der Anleger prüft vorsichtshalber sein Depot. Man kann eben nicht alles haben: Frieden auf Erden und jeden Montag Weihnachten bei den Waffenherstellern.

Hunderte Milliarden suchen eine Begründung

Hundert Milliarden sind schließlich kein Trinkgeld. Wer solche Summen einplant, muss sagen, wofür, bis wann und mit welchem Nutzen. „Der Russe kommt“ ist kein Kostenvoranschlag. Und „Sondervermögen“ klingt zwar nach einem reichen Onkel, muss aber vom Steuerzahler bedient werden. Die Bürger dürfen aufatmen. Aber die Rüstungsindustrie darf nicht auf unsere Kosten hyperventilieren.

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