Für viele Christen passt Halloween nicht zu ihrem Glauben. Hexen, Dämonen und Untote werden zu Partyfiguren, Angst wird zur Unterhaltung und der Tod zur Dekoration. Sie wollen weder okkulte Vorstellungen verharmlosen noch Kinder mit Horror überfordern. Andere Gemeinden antworten ausgerechnet mit einer „Gruselkirche“. Am 31. Oktober holen sie Kostüme, Spinnweben und schaurige Stimmung ins Gotteshaus und erklären das zur Glaubensvermittlung. Ausgerechnet die Kirche übernimmt damit die Kulisse eines Festes, dessen Botschaft viele Christen ablehnen.
Der zentrale Einwand gegen Halloween wird biblisch begründet. Das Verbot von Wahrsagerei, Geisterbeschwörung und Totenbefragung in 5. Mose 18 wird als Grenze gegenüber Okkultismus verstanden. Der christliche Medienanbieter ERF beschreibt diese Bedenken und die Sorge vor angsteinflößenden Kostümen. Für solche Kritiker sollte die Kirche Hoffnung, Auferstehung und Gottes Beistand verkünden, statt das Böse als reizvolle Kulisse zu vermarkten.
Dazu kommt der Kalender. Am 31. Oktober feiern Protestanten den Reformationstag, am 1. November begehen Katholiken Allerheiligen, am 2. November Allerseelen. Christen befürchten, dass ihre eigenen Feste hinter Kürbissen und Süßigkeiten verschwinden. Auch der kommerzielle Druck und die Drohung mit bösen Streichen beim Süßigkeitensammeln stoßen auf Ablehnung. Eine einheitliche christliche Haltung zu Verkleidungen und Halloween gibt es allerdings nicht.
Die Herkunft des Brauchslässt sich nicht auf die Formel „uraltes Satansfest“ reduzieren. Halloween bedeutet „All Hallows’ Eve“, also Vorabend von Allerheiligen. Irisch-amerikanische Bräuche, christlicher Kalender und spätere Vermarktung haben das heutige Fest geprägt. Eine lückenlose direkte Abstammung vom keltischen Samhain ist historisch nicht gesichert, erläutert der Religionswissenschaftler Bernhard Maier im DOMRADIO-Interview. Der religiöse Einwand gegen Okkultismus steht deshalb auf einem anderen Blatt als die Behauptung, jedes Gespensterkostüm sei ein heidnisches Ritual.
Die Veranstalter von Gruselkirchen setzen beim Erlebnis an. Kinder kennen Halloween längst. Die Kirche soll an diesem Abend ein Ort werden, an dem sie ihre Ängste aussprechen und Vertrauen erfahren. Dunkelheit, Schatten und Kostüme dienen als Einstieg; Licht, Gebet und biblische Geschichten sollen die Richtung vorgeben. Die Gemeinden wollen den Grusel christlich umdeuten und verbinden ihn häufig ausdrücklich mit dem Reformationstag. Doch wer Kinder erst mit einer Horrorkulisse anlockt, muss sich fragen lassen, weshalb die eigene Botschaft diese Verpackung überhaupt braucht.
In der St.-Marien-Kirche in Basthorst heißt das Angebot am 31. Oktober 2026 von 17 bis 19 Uhr „Fear and Trust“, Angst und Vertrauen. Die Idee entstand bei einer Konfirmandenfahrt. Angst und Misstrauen sollen im Gruselformat erscheinen, Freiheit und Vertrauen in Lichtmomenten. Das ist das erklärte Konzept der Gemeinde.
In St. Paul in Fürth beginnt am selben Tag um 16 Uhr ein Familiengottesdienst. Angekündigt sind Schatten, Spinnweben, Kerzenschein, Lieder und Süßigkeiten. Darüber steht die biblische Zusage „Fürchtet euch nicht!“ In Hamburg-Heimfeld bereiten Schulkinder ab der ersten Klasse vom 27. bis 30. Oktober eine Grusel-Musicalaufführung in der St. Pauluskirche vor. Aufgeführt wird sie am Reformationstag um 17 Uhr.
Darin zeigt sich eine Haltung, die auch kirchliche Angebote rund um LGBT und Pride prägt. Formen und Symbole einer außerkirchlichen Szene werden übernommen und zum Gottesdienstformat gemacht. Die Kirchengemeinde Köln-Deutz/Poll kündigt queere Gottesdienste ausdrücklich auch mit Dragqueens an. Der Kirchenkreis Köln-Linksrheinisch zählt Gottesdienste mit Dragqueens, die Beteiligung am Cologne Pride sowie Partys und Festivals zu den Angeboten seines Projekts „Queere Kirche“. Es handelt sich also um kirchlich getragene Formate, nicht bloß um private Auftritte in gemieteten Räumen.
Der Vergleich betrifft die kirchliche Inszenierung. Beim Halloween-Angebot liefert der Grusel die Aufmerksamkeit, beim Drag-Gottesdienst die Travestie. Beides wird mit geistlichen Elementen verbunden. Daraus entsteht ein Gottesdienst, der schon in seiner Ankündigung vor allem über das besondere Event verkauft wird. Menschen zum Gebet einzuladen ist das eine. Den Gottesdienst nach dem Aufmerksamkeitswert seiner Showelemente auszurichten, ist etwas anderes.
Natürlich darf eine Kirche neue Wege der Vermittlung suchen, etwa mit Gebets-Apps. Aber zwischen einem Hilfsmittel für das Gebet und der Umgestaltung des Gottesdienstes zur Themenveranstaltung liegt ein erheblicher Unterschied. Die scharfe Kritik an kirchlichem Spektakel in einem früheren F-News-Gastbeitrag über kirchliche Reformen trifft deshalb einen wunden Punkt. Wer immer neue Kulissen braucht, riskiert, dass die Kulisse wichtiger wird als die Verkündigung.
Ist das noch Kirche? Diese Nachfrage müssen sich die Veranstalter gefallen lassen. Eine Kirche hat mit Reformation, Allerheiligen, Gebet und Auferstehung eine eigene Botschaft und eigene Feste. Wenn sie stattdessen dem Veranstaltungskalender hinterherläuft und jeden auffälligen Auftritt geistlich einrahmt, macht sie sich zur Eventagentur mit Altar. Ein Kreuz im Hintergrund macht aus einer Show keinen überzeugenden Gottesdienst.








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